Porsche - Porträts einer unbeschwerten Epoche

Porträts einer unbeschwerten Epoche

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Pablo Picasso und Edward Quinn (1956): Den Künstler und den Fotografen verbindet eine lange Freundschaft.

Der Fotograf im Glanz des Ruhms. Fürsten, Filmstars, Industriemagnaten – nirgends tummelte sich die internationale Hautevolee in den Nachkriegsjahren so fotogen wie an der französischen Riviera. Ein Glück, dass Edward Quinn stets zur Stelle war und die schöne Epoche mit seiner Kamera festhielt.

Europa zu Beginn der Fünfzigerjahre: Die Schatten des Krieges haben sich noch nicht verflüchtigt, aber die Menschen blicken mit großer Zuversicht nach vorn. Es geht bergauf, man sehnt sich nach einem besseren Leben – und niemand verkörpert dieses Glücksversprechen so perfekt wie die Märchenfiguren jener hoffnungsvollen Zeit: Filmstars und Regisseure, Sänger und Künstler, Adelige und Industrielle. Gebannt verfolgt das Publikum ihr Leben und Treiben, träumt von ihren rauschenden Galas, von eleganter Garderobe und schnittigen Automobilen. Die Schönen und Reichen haben ihren Sehnsuchtsort bereits gefunden: An der Côte d’Azur, zwischen Cannes, Nizza und Monaco, tummelt sich mehr Prominenz als irgendwo sonst in Europa. Mit seinem milden Klima, den weißen Stränden, den mondänen Hotels und Casinos und nicht zuletzt einem Fürstentum wie aus dem Bilderbuch ist dieser Küstenstreifen als Bühne für das süße Leben wie geschaffen.

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Audrey Hepburn (1951): Noch kennt kaum jemand das Mädchen, das für Edward Quinn im Hafen von Monaco posiert.

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Sophia Loren (1955): Wozu diente der Diva nur die Zitronenpresse im Auto?

Aus dem Bomber-Cockpit an die Côte d’Azur

Dass uns diese glamourösen Jahre noch heute so lebhaft im Gedächtnis sind, ist zu einem guten Teil dem Fotografen Edward Quinn zu verdanken. Der gebürtige Ire arbeitet nach dem Krieg zunächst als Funker für eine Fluglinie, während der Berliner Luftbrücke ist er an Bord der Rosinenbomber im Einsatz. 1949 zieht er zu seiner künftigen Gattin Gret nach Monaco. Dort versucht er sich zunächst unter dem wunderbaren Künstlernamen Eddie Quinero als Gitarrist, bevor ihm zufällig eine Kamera in die Hände fällt. Quinn entdeckt sein Talent für die Fotografie, funktioniert kurzerhand die Küche eines Freundes zur Dunkelkammer um und kann erste Aufnahmen an Magazine und Agenturen verkaufen. Bald richtet er sein Objektiv auf die allgegenwärtigen Stars und Millionäre, besucht Filmpremieren und Empfänge und bezirzt Flughafenmitarbeiter, damit sie ihm die Ankunftszeiten von Alfred Hitchcock oder Kirk Douglas verraten. Der Schlaks mit dem Schnauzer bekommt sie alle vor die Kamera: Grace Kelly – als Fürstin Gracia Patricia bald so etwas wie die Königin der Côte d’Azur – ebenso wie die Superstars Gary Cooper, Cary Grant und Peter Ustinov. Er fotografiert aber auch damals noch wenig bekannte Schauspielerinnen wie Audrey Hepburn und Brigitte Bardot, Bonvivants wie Giovanni Agnelli und Gunter Sachs und Künstler wie Pablo Picasso, mit dem Quinn eine jahrzehntelange Freundschaft pflegen wird. Dank seiner charmant-zurückhaltenden Art und eines ausgeprägten Sinns für Bildkompositionen und den richtigen Moment gelingen dem Iren Porträts, von deren Intimität und Ausdrucksstärke die hektisch knipsenden Paparazzi heute nur träumen können. Quinn ist stets auf Tuchfühlung mit den Stars und zeigt sie so, wie sie gesehen werden möchten – und wie die Welt sie liebt: schön, elegant, lebensfroh, den Augenblick umarmend.

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Rainier III.: Eröffnungsfahrt zum Großen Preis von Monaco im Porsche 356.

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Grace Kelly (1955): Dieses Lächeln strahlt den Glanz des Ruhms aus.

Natürlich zählen auch schnelle und luxuriöse Autos zu den unverzichtbaren Begleitern der Hautevolee. Über die Croisette und die Promenade des Anglais rollen gewaltige Limousinen von Hispano-Suiza und Rolls-Royce, chromglänzende US-Straßenkreuzer und die kleinen italienischen Sportwagen, die auf viele Stars eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Auch die ersten Porsche finden an der französischen Riviera bald ihre Liebhaber – zum Beispiel Aristoteles Onassis, den Quinn 1953 ablichtet, als der Reeder mit elegant zurückgekämmtem Haar und großer Sonnenbrille in einem Porsche 356 vor dem Hotel Carlton in Cannes vorfährt. Doch nicht nur auf den Boulevards werden die Sportwagen der jungen deutschen Marke geschätzt: Ebenfalls 1953 fegen die Porsche 356 bei der Rallye Monte-Carlo über die Serpentinen im Hinterland der Côte (auch hier ist Quinn dabei). Einige Jahre später sind es Rennfahrer wie Dan Gurney und Jo Bonnier, die mit Porsche-Rennwagen beim Großen Preis von Monaco starten und damit den Ruhm der Marke am Mittelmeer weiter mehren.

Unbekümmert die Früchte des Erfolges genießen

Edward Quinns Fotografien der Stars und Sportwagen haben aber nicht nur nostalgischen Wert. Sein Neffe Wolfgang Frei führt in der Schweiz das Quinn-Archiv mit mehr als 150.000 Aufnahmen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Häufig fragen Sammler, Auktionshäuser und Restauratoren bei ihm nach Fotografien bestimmter Prominenter mit ihren Autos. Schließlich können Sportwagenklassiker, in denen einst Alain Delon oder Roger Vadim über die Küstenstraßen der Côte d’Azur brausten, ihren heutigen Besitzern durchaus zweistellige Millionenbeträge einbringen – vorausgesetzt, ihr jetziger Zustand entspricht bis ins Detail jenem, den die historischen Fotos dokumentieren. Was aber fasziniert den Betrachter an der längst vergangenen Welt, die Edward Quinn mit seiner Kamera so kunstfertig festgehalten hat? Vermutlich ist es der Blick auf eine unschuldigere, unbeschwertere Epoche. So fröhlich und verspielt posieren da selbst die berühmtesten Stars, so unbekümmert feiern sie ihre Feste, so unbekümmert genießen sie die Früchte ihres Erfolges, wie es Prominenten in unserer abgeklärten, durchkonstruierten Medienwelt mit ihren Presseagenten, Bodyguards und Imageberatern nicht mehr möglich wäre. Natürlich sind auch Quinns Porträts inszeniert und keine zufälligen Schnappschüsse. Doch in vielen Gesichtern entdeckt man bei genauerem Hinsehen eine herzliche, vielleicht nur durch ein Kopfnicken oder ein Augenzwinkern angedeutete Aufforderung an den Betrachter, nämlich das Leben zu feiern, die Bereitschaft, einen besonderen Augenblick mit der Welt zu teilen – und mit dem Glanz des Ruhms die Schatten der Vergangenheit endgültig zu vertreiben.

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Kirk Douglas (1953): Zigarettenpause für den Hollywoodstar beim Internationalen Filmfestival von Cannes.

Text Jan Baedeker
Fotos Edward Quinn

Photo Edward Quinn, © edwardquinn.com