Ruf der Rennstrecke

Atlanta, Zuffenhausen, Nürburgring. Der erste Weg mit seinem fabrikneuen Porsche Cayman GT4 führt den US-Amerikaner Thomas Eduard Park direkt zur Nordschleife des Nürburgrings. Dort wartet schon ein Cayman R auf ihn.

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Herantasten bei der Werksabholung: Vor dem Starten des 385-PS-Motors begrüßt Park seinen Cayman GT4 beinahe ehrfürchtig.

Thomas Park schaut zweifelnd zum Himmel, wo sich immer wieder Wolken vor die Sonne schieben. Der US-Amerikaner hat den Rennanzug übergestreift. Ein Porsche Cayman R ist startbereit. In einer halben Stunde geht es los. Doch Park beschäftigt sich nicht mit Links- und Rechtskurven, er versucht einzuschätzen, wie sich das Wetter entwickelt. „Der Nürburgring ist bei Nässe so schwierig zu fahren, ich brauche eine ganz andere Linie.“ Die hat er zuvor nicht testen können, es gab keinen Regen. „Grüne Hölle“ nannte der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart die legendäre Nordschleife des Nürburgrings, weil er im Nebel so schnell fuhr, wie er es nie wieder in seinem Leben tun wollte. Deshalb sagt man noch heute: Wer in der „grünen Hölle“ bestehen will, muss teuflisch gut fahren können. Park weiß das. „Ein bisschen Angst musst du haben“, sagt er und wiegt den Kopf weiter hin und her, „heute geht es nur darum, zu überleben.“

Wenige Minuten bis zum ersten Lauf der Rundstrecken-Challenge 2016 auf dem Nürburgring. Park ist still. Der 35-Jährige lauscht seinem Trainer. Domenico Solombrino erklärt ihm die wichtigsten Flaggen, das Tempolimit in der Boxengasse. Park nickt, wirkt aber, als sei er ganz woanders. Er hat das alles jahrelang gebüffelt, ist Tausende Nürburgring-Runden mit dem Simulator am Computer gefahren, natürlich weiß er alles, kennt jede Kurve. Aber kann er es abrufen, wenn ihm bei gut 250 km/h in der Fuchsröhre der Regen auf die Windschutzscheibe knallt?

Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden, das Dröhnen der Motoren verschluckt die Gespräche. Thomas Park steigt in einen weiß-blauen Cayman R, das Rennen fährt er nicht mit seinem neuen GT4, diesmal noch nicht. Mechaniker bringen die Schutzvorrichtungen an, prüfen den Motor ein letztes Mal, kontrollieren die Reifen. Park rückt den Helm zurecht, dann packt er das Lenkrad – die finalen Handgriffe am Ende einer langen Reise, die vor gut dreißig Jahren im Haus der Eltern begann, nahe des berühmten Indianapolis Motor Speedway. Eine Reise, die ihn neun Tage vor dem Rennen nach Stuttgart führt.

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Startberechtigt: Park präsentiert die notwendigen Dokumente im Rennbüro.

Porsche-Single aus Atlanta

Es ist spät am Abend in einer Kneipe in der Innenstadt. Park ist erst gestern aus Atlanta gekommen, er hat fast nicht geschlafen. Doch er ist hellwach und erzählt seine Geschichte. „Schon mit drei Jahren war ich fasziniert von Autos. Ich erkannte alle Marken und Typen, nur beim Vorbeifahren. Wie viel PS ein bestimmtes Sondermodell von 1987 hat. Oder wo die Stärken eines Porsche GT3 in den Kurven liegen.“ Park hat alles im Kopf und sagt über sich selbst: „Klar bin ich ein Nerd.“

Schon zu Schulzeiten kaufte er Autos, um sie ein Jahr zu fahren – gerne auch auf Rennstrecken – und später möglichst gewinnbringend wieder zu verkaufen. So arbeitete er sich Autoklasse für Autoklasse nach oben. Bis zu Porsche. „Ich habe leider ein Hobby, das etwas kostspieliger ist. Aber was soll ich machen?“ Parks Hauptberuf: IT-Spezialist. Nebenher gibt er als Fahrlehrer Kurse auf einer Rennstrecke. Er ist Single, befindet sich aber in einer besonderen Beziehung zur Geschwindigkeit. All sein Geld fließt in schnelle Autos. Es fließt in diesen Traum, Rennfahrer zu sein, vielleicht sogar irgendwann dafür bezahlt zu werden.

Den Traum vom Traumauto hat er sich schon vor einer Weile erfüllt. Ein Porsche 911 GT3 steht bei ihm zu Hause in Atlanta. „Das beste Auto, wenn es ums Rennfahren geht“, schwärmt er und nennt es „mein Baby“. Aber jetzt hält er kurz inne, denn ihn beschäftigt etwas Neues. „Ich bin schon etwas nervös“, gesteht er wie jemand, der kurz vor seinem ersten Date steht. Aus zwei Gründen ist Park nach Deutschland gekommen. Er will seinen ersten Schritt als Rennfahrer gehen, den Mythos Nürburgring erleben, der von Atlanta aus so unerreichbar erscheint. Er will die Breitensportserie Rundstrecken-Challenge Nürburgring (RCN) nutzen, sich am besten gleich in der ersten Hälfte des Tableaus platzieren, um möglichst bald auch bei der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring zu starten. Und er will auf der „berühmtesten Rennstrecke der Welt“, wie er selbst sagt, sein neues Auto testen. Er wird es morgen kennenlernen. „Ich hoffe, ich kann gut schlafen“, betont er, als er sich verabschiedet.

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Letzte Tipps: Park (links) und Trainer Solombrino passieren die Nürburgring-Siegertafel.

Rendezvous in Zuffenhausen

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Der Renn-Cayman (rechts hinten) steht direkt bei Parks neuem GT4.

Der nächste Morgen. Porsche-Werk Zuffenhausen. Park ist müde: „Es war eine kurze Nacht, ich bin aufgeregt.“ Im Rahmen des European Delivery Programs von Porsche nimmt er direkt vor Ort seinen neuen Cayman GT4 in Empfang. Er hat Freunde mitgebracht und seinen Vater, der ebenfalls extra aus den USA eingeflogen ist. Mel Park hält sich gerne im Hintergrund, auch als sein Sohn in die Halle mit den neuen Sportwagen kommt, die für ihre Besitzer um die Wette glänzen. „Es ist ein großer Moment für ihn“, flüstert der Vater, als der Sohn sein neues Auto das erste Mal sieht. „Yes!“, raunt der Sohn und lässt seine Hand ganz vorsichtig über der weißen Karosserie schweben. Die Welt hat ihn in diesem Moment verloren. Thomas Park ist in seinen eigenen Kosmos eingetaucht. Nur er und sein Porsche. Für Minuten ist er ehrfürchtig still. Schließlich traut er sich zu fragen: „Darf ich einsteigen?“ Er stellt Sitz und Lenkrad ein, eine tausendmal wiederholte Routine. Wie andere das frisch gebügelte Hemd noch einmal glatt streichen, wenn sie es anziehen, so muss er im Auto gleich alles perfekt einstellen. Zur perfekten Erscheinung gehört für Park die 46: Bevor der Cayman einen Meter gefahren ist, beklebt Park das Auto, ganz groß prangt die Nummer auf den Türen – in Anlehnung an die Startnummer seines großen Vorbilds, Motorradrennfahrer Valentino Rossi. Mel Park, 68, lacht: „Von mir hat er die Leidenschaft nicht.“ Er freut sich, wenn es seinem Sohn gut geht. Und gerade geht es ihm so gut wie selten. Beide posieren für ein Foto, vorher streicht Thomas Park sein T-Shirt glatt. Es zeigt den Porsche 956, in dem Stefan Bellof 1983 die bis heute schnellste Runde auf der Nordschleife fuhr: 6:11,13 Minuten. Unfassbar. Über dem Foto des Rennwagens prangen vier Worte, eine Hommage an Bellof: „King of the Ring.“ Thomas Park ist ein höflicher Mensch, er würde nie sagen, er wäre gerne der König des Nürburgrings. Aber ein kleiner Prinz vielleicht?

Glücksgefühle auf dem Nürburgring

Drei Tage später kommt er in der Eifel an. Noch fünf Tage bis zum Rennen. Park hat sich um die nötige Lizenz vom Deutschen Motorsportbund (DMSB) gekümmert, doch ein Team und einen Wagen für das Rennen hat er noch nicht. Die Suche beginnt, gleichzeitig will er Runden in seinem GT4 drehen und am besten ein Streckentraining absolvieren. Am Ende der Woche wird er sagen: „Es hätte kein Tag weniger sein dürfen.“ Nach vielen Gesprächen ist er mit Mathol Racing einig, einem Team, das sehr viel Erfahrung und einen Porsche Cayman für das Rennen bietet. Der Ausflug wird nicht ganz billig, insgesamt rund 10 000 Euro, doch Park wird sein Ziel so kurz vor Schluss nicht aufgeben. Er organisiert sich einen Lehrgang, einen extra Trainer für Samstag, der mit ihm das Rennen fahren soll, und bringt seinen eigenen Cayman GT4 auf den Nürburgring. „Ich bin mehr beeindruckt als ich gedacht hätte“, strahlt er nach einigen Runden. „Der GT4 ist so richtig verlässlich. Was für ein Spaß!“ Nicht so verlässlich ist das Wetter. Park hätte gerne Regen gehabt, zur Übung. Doch es bleibt trocken.

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Die Sekunden danach: Park ist erschöpft, aber glücklich. Seine Rennpremiere ist geglückt, der Wagen unbeschadet zurück in der Box.

Dass sich da ein Neuling gleich in einem Porsche ins Rennen traut, finden viele an der Strecke sehr mutig. „Der Cayman ist halt einfach schneller als die meisten Autos. Das heißt, jede Entscheidung muss auch schneller passieren“, erklärt Trainer Solombrino. Mehrere hundert Schüler bringt er jährlich auf den Nürburgring, doch einer wie Park ist selten dabei. 2006 war Park das erste Mal als Zuschauer am Nürburgring, von da an kam er fast jedes Jahr wieder, um mit seinem eigenen Wagen die Nordschleife zu fahren. Mehrere tausend Runden drehte er auf seinem Simulator in Atlanta, um für den Ring in Form zu bleiben. Doch nun ist alles echt: 195 Starter, Rekord in der Rundstrecken-Challenge, ohrenbetäubender Lärm, Benzingeruch – und dunkle Wolken. Park ist erst wenige hundert Meter unterwegs, als der Regen einsetzt. Die Lautsprecher in der Boxengasse verbreiten erste Unfallmeldungen. Vater Park stellt sich ganz nah an die Absperrung. Er schaut auf die Zielgerade. „Ist er das? Nein.“ Irgendwann rauscht er vorbei. Und noch einmal. Und noch einmal. Mehrere Teams wechseln die Reifen, doch Park bleibt auf der Piste. „Er ist ein kluger Junge, ich vertraue ihm“, sagt Mel Park.

Dann endlich fährt Park in die Box. Er ist glücklich, denn er hat seinen Teil gut über die Bühne gebracht. „Es war so hart, wir haben sicher 25 Unfälle gesehen, dazu der Regen, oh Mann.“ Sein Herz sagt weiterfahren. Sein Kopf sagt: Lass den Profi ran und lerne. Er setzt sich auf den Beifahrersitz, Trainer Solombrino übernimmt. Knapp zwei Stunden später stehen beide im Trailer von Mathol Racing und freuen sich. „Vierter von neun in unserer schwierigen Fahrzeugklasse, das ist unglaublich“, freut sich Park. Solombrino ergänzt: „Fürs erste Mal war er unglaublich schnell. Eine abwechselnd trockene und nasse Rennstrecke, das ist richtig schwierig.“ Auch deshalb ist Thomas Park sicher: Er kommt wieder – vielleicht schon zum nächsten Rennen. Er hat den Rennanzug ausgezogen, sein Vater holt ihm etwas zu essen. Thomas Park schaut nach draußen. Es regnet. Er lächelt.

Text Frieder Pfeiffer
Fotos Bernhard Huber

Porsche European Delivery Program

Porsche bietet allen Kunden auf der Welt die Möglichkeit, ihren neuen Porsche direkt in Stuttgart oder Leipzig am Werk abzuholen, um ihren neuen Sportwagen auf Autobahnen und kurvigen Landstraßen Deutschlands und Europas ausgiebig zu genießen. Außerdem dürfen sie einen Blick in die Porsche-Fabrik werfen. Für Kunden aus den USA und Kanada gibt es zusätzlich das European Delivery Program, das die Transportkosten samt Versicherung über den Atlantik sowie eine Hotelübernachtung beinhaltet.

Weitere Informationen: www.porsche.com/usa/motorsportandevents/europeandelivery/

RCN – Rundstrecken-Challenge Nürburgring

Der Rundstrecken Challenge Nürburgring e.V. ist ein Zusammenschluss von mehreren ADAC-Motorsportclubs. Mithilfe eines Stufenmodells soll sich dort ein rennsportinteressierter Autofahrer zum Motorsportler entwickeln können. Die Rundstrecken-Challenge ist die höchste Stufe und wendet sich an ambitionierte Rennfahrer, die über ein rennfertiges Auto und eine Lizenz des Deutschen Motorsportbunds (DMSB) der Stufe A verfügen. Eine Rundstrecken-Challenge geht über 15 Runden, neun davon sind reine Sprintrunden. Hinzu kommen sogenannte Bestätigungsrunden, in denen die Zeit der vorangegangenen Runde bestätigt werden muss. Viele Fahrer versuchen, den Sprung in die VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring zu schaffen, eine Art erste Liga im Breitenrennsport.

Weitere Informationen: www.r-c-n.com